Durchstoßfestigkeit von Verpackungsfolien richtig bewerten – Aluminiumfolie, Blister, Laminate

Ausreichend durchstoßfest ist eine Verpackungsfolie nicht allein wegen ihrer Folienstärke oder eines hohen Einzelwerts. Entscheidend ist, ob der Messwert unter vergleichbaren Bedingungen ermittelt wurde, ob die Laminatstruktur zur Belastung passt und ob das Prüfverfahren den tatsächlichen Schadensmechanismus abbildet. Erst das Zusammenspiel aus Prüfverfahren, Folienaufbau und anwendungsnaher Erprobung trägt eine belastbare Materialentscheidung.

Begriffserklärung: Durchstoßfestigkeit

Durchstoßfestigkeit
Kennwert für den Widerstand gegen lokales Eindringen bis zur Perforation unter einem definierten Prüfaufbau.

Was Durchstoßfestigkeit bei Punktbelastung aussagt

Durchstoßfestigkeit beschreibt den Widerstand einer Folie gegen das lokale Eindringen eines Prüfkörpers bis zur Perforation. Das ist ein anderer Belastungsfall als Zug oder Weiterreißen. Die Abgrenzung ist wichtig, weil Datenblätter unter dem Sammelbegriff „Reißfestigkeit“ unterschiedliche Kennwerte führen können, die für eine konkrete Punktbelastung nur begrenzt aussagekräftig sind.

Bei einer Spitze, einer scharfkantigen Produktecke oder einem punktförmigen Kontakt konzentriert sich die Belastung auf eine kleine Fläche. Die Folie wird lokal verformt und schließlich durchdrungen. Ein Durchstoßversuch bewertet diesen Weg bis zum Versagen. Je nach Prüfverfahren lassen sich dabei nicht nur Kraft, sondern auch aufgenommene Energie und Eindringweg erfassen. [1]

  • Durchstoß beziehungsweise Perforation: Ein definierter Prüfkörper belastet eine zunächst unbeschädigte Folie lokal bis zum Durchbruch. Das ist die relevante Belastungsart bei konzentrierten Punktlasten.
  • Zugbeanspruchung: Die Probe wird in Zugrichtung belastet. Zugeigenschaften beschreiben das Verhalten unter einer über den Probenquerschnitt eingeleiteten Zugkraft, nicht das Eindringen einer Spitze. [2]
  • Weiterreißen: Ein bereits vorhandener Riss breitet sich unter Belastung aus. Die Weiterreißfestigkeit betrifft damit einen anderen Zustand als die erste Perforation einer unbeschädigten Folie. [3]

Für Schäden durch punktförmige Kanten oder hervorstehende Bereiche ist deshalb ein dokumentierter Durchstoßkennwert die passende Ausgangsbasis. Hohe Zug- oder Weiterreißwerte können im Einsatz zusätzlich relevant sein, ersetzen aber keinen Versuch zur Durchstoßfestigkeit. Fehlt die Angabe zum Prüfverfahren, bleibt offen, welche Belastung der Wert tatsächlich repräsentiert.

Prüfverfahren und Durchstoßwerte richtig vergleichen

Ein hoher Wert ist nur dann ein Vorteil, wenn er dieselbe Belastung beschreibt wie der Vergleichswert. Dazu müssen Prüfverfahren, Prüfkörper, Prüfgeschwindigkeit, Temperatur und Probendicke dokumentiert sein; diese Angaben legen fest, was die Zahlen tatsächlich vergleichen. Unterschiedlich dicke Varianten dürfen unter ansonsten übereinstimmenden Prüfbedingungen durchaus gegenübergestellt werden. Das Ergebnis beschreibt dann ihre gemessene Leistung als Varianten, isoliert aber noch nicht, ob der Unterschied auf die Folienstärke oder auf eine abweichende Laminatstruktur zurückgeht. Für einen Strukturvergleich sollte die Gesamtdicke deshalb möglichst ähnlich sein; für den Dickeneffekt bleibt der Aufbau gleich und die Dicke die bewusst variierte Größe.

KriteriumEN 14477ASTM F1306
BelastungsartStatischer Durchstich einer eingespannten Folienprobe durch eine Prüfspitze.Langsame Durchdringung flexibler Barrierefolien und Laminate durch einen angetriebenen Prüfkörper.
Ausgewiesene KennwerteMaximale Durchstoßkraft.Kraft, Energie und Eindringweg bis zum Versagen.
Nutzen für die BewertungZeigt die höchste erreichte Kraft unter dem jeweiligen Prüfaufbau.Zeigt zusätzlich, wie viel Belastung die Probe bis zur Perforation aufnimmt und wie weit sie sich dabei verformt.

Die vorliegenden Verfahrensbeschreibungen ordnen EN 14477 einem statischen Durchstichversuch mit eingespanntem Folienmaterial und maximaler Durchstoßkraft zu. [4] ASTM F1306 charakterisiert die langsame Perforation und wertet Kraft, Energie sowie Eindringweg aus. [1] Für eine normgerechte Prüfanweisung sind jeweils die maßgeblichen Originaldokumente heranzuziehen; die Tabelle dient der Einordnung von Prüfberichten, nicht als Laboranweisung.

Die Frage lautet daher nicht, welches Prüfverfahren grundsätzlich besser ist. Entscheidend ist, welche Aussage benötigt wird: Die maximale Kraft ist sinnvoll, wenn die Belastungsspitze im Vordergrund steht. Energie und Eindringweg ergänzen den Befund, wenn zwei Folien eine ähnliche Maximalkraft zeigen, sich bis zum Durchbruch aber unterschiedlich verformen. Ein Energiewert und eine Maximalkraft sind allerdings keine austauschbaren Größen.

Auch innerhalb eines Verfahrens verändern Folienstärke, Elastizitätsmodul, Temperatur, Eindringgeschwindigkeit sowie Form und Art des Prüfkörpers das Ergebnis. [1] Eine Folie mit einem höheren Wert aus einem abweichenden Prüfaufbau ist daher nicht automatisch besser für den vorgesehenen Einsatz. Besonders problematisch sind Datenblattvergleiche, bei denen nur eine Zahl genannt wird, während Angaben zur Spitze oder zu den Prüfbedingungen fehlen.

Welche Angaben einen Vergleich tragfähig machen

Ein Prüfbericht sollte mindestens das Verfahren, den Prüfkörper, die Geschwindigkeit, die Temperatur, die Probendicke und die ausgewerteten Kennwerte erkennen lassen. Diese Angaben entscheiden darüber, ob zwei Werte dieselbe Frage beantworten. Fehlen sie, kann ein Wert zur Orientierung dienen, aber keine belastbare Rangfolge begründen.

Eine rechnerische Normierung durch Division der Durchstoßkraft durch die Dicke löst das Problem nicht. Sie blendet aus, dass die Laminatstruktur, das Verformungsverhalten und die Prüfbedingungen weiterhin Einfluss nehmen. Der Quotient kann eine zusätzliche interne Kennzahl sein, ersetzt aber keinen vergleichbaren Versuch.

Folienstärke und Laminatstruktur getrennt bewerten

Mehr Folienstärke kann den Durchstoßwiderstand erhöhen, ist aber kein alleiniger Leistungsnachweis. Sie beantwortet eine andere Auswahlfrage als eine veränderte Laminatstruktur. Werden beide Effekte gleichzeitig verändert, lässt sich nach einem Einzelwert nicht mehr erkennen, ob mehr Material oder der andere Aufbau den Unterschied verursacht.

  • Dickenreihe bei gleichem Aufbau: Schichtfolge und Rezeptur bleiben unverändert, nur die Gesamtdicke variiert. Dieser Vergleich zeigt den Einfluss der Folienstärke für genau diesen Aufbau. Er passt zur Frage, ob eine bestehende Folie verstärkt werden soll.
  • Strukturvergleich bei ähnlicher Gesamtdicke: Die Gesamtdicke bleibt möglichst nahe beieinander, während Schichtfolge oder Einzelschichten wechseln. Damit wird sichtbar, welchen Beitrag die Laminatstruktur leistet.
  • Getrennte Schlussfolgerungen: Die Dickenreihe beantwortet nicht automatisch die Frage nach dem besseren Aufbau. Umgekehrt ist ein Strukturvergleich keine allgemeine Aussage darüber, wie sich eine dickere Variante verhalten wird.

Eine Untersuchung an Schrumpfbeutelfolien zeigt für die dort betrachteten, vergleichbar dicken Aufbauten abweichende Durchstoßergebnisse bei unterschiedlichen Laminatstrukturen und Prüfkörpern. Dieser Befund gilt nicht als allgemeine Rangfolge von Werkstoffen. [5] Die praktische Konsequenz bleibt dennoch klar: Wer zwischen „dicker“ und „anders aufgebaut“ wählen muss, sollte nicht nur Mikrometer vergleichen.

Für eine saubere Vorauswahl sind deshalb zwei getrennte Versuchsreihen sinnvoll: eine Dickenreihe mit identischem Aufbau und ein Strukturvergleich bei ähnlicher Gesamtdicke. Beide Reihen benötigen dieselben Prüfbedingungen und einen Prüfkörper, der zur vermuteten Punktbelastung passt. Erst dann wird aus einem Datenblattvergleich eine nachvollziehbare Entscheidung.

Von der Laborvorauswahl zur Transportbeanspruchung

Die Laborprüfung und die Transportbeanspruchung beantworten zwei aufeinanderfolgende, aber unterschiedliche Fragen. Der Laborversuch grenzt geeignete Folienvarianten unter kontrollierten Bedingungen ein. Die Erprobung am gefüllten Packmittel zeigt anschließend, ob Füllgut, Handhabung, Lagerung und Transport genau den Schadensmechanismus auslösen, den der Versuch abbildet.

  1. Den Datenkonflikt offen benennen.
    Hypothetischer Fall: Zur Wahl stehen eine dickere Folie und eine Folie mit anderer Laminatstruktur. Für beide liegen Durchstoßwerte vor, jedoch aus unterschiedlichen Prüfbedingungen. Daraus folgt zunächst kein Sieger. Unterschiedliche Temperatur, Geschwindigkeit, Prüfkörper oder Probendicke können den Abstand erklären.
  2. Die Auswahlfrage trennen.
    Geht es um mehr Folienstärke, werden Varianten mit gleichem Aufbau verglichen. Geht es um die Laminatstruktur, werden unterschiedliche Aufbauten bei möglichst ähnlicher Gesamtdicke gegenübergestellt. So bleibt die Ursache eines Unterschieds nachvollziehbar.
  3. Die Punktbelastung passend abbilden.
    Der Prüfkörper sollte der tatsächlichen Ursache möglichst nahekommen: einer punktförmigen Kante, einem hervorstehenden Bereich des Füllguts oder lokalem Kontakt im Packprozess. Die Ergebnisse dienen zur Vorauswahl anhand von Kraft, Energie und Eindringweg innerhalb desselben Prüfverfahrens.
  4. Kratzartige Schäden anders einordnen.
    Entstehen Beschädigungen überwiegend durch streifenden Kontakt, Reibung oder Abrieb, beschreibt ein reiner Durchstoßtest das Problem nur teilweise. Dann muss die anwendungsnahe Untersuchung diesen Kontaktfall zusätzlich abbilden, statt aus einem Durchstoßwert eine umfassende Transportprognose abzuleiten.
  5. Die Vorauswahl im vorgesehenen Einsatz bestätigen.
    Die verbliebenen Varianten werden am gefüllten Packmittel unter relevanten Verarbeitungs-, Lager- und Transportbedingungen erprobt. Laborergebnisse allein sind kein ausreichender Nachweis für alle Praxisbedingungen. [5]

Dieser Ablauf verhindert zwei typische Fehlentscheidungen: Eine Folie wird nicht wegen eines unpassenden Spitzenwerts bevorzugt, und ein guter Laborbefund wird nicht mit garantierter Transportsicherheit verwechselt. Ergibt die Erprobung weiterhin Schäden, liefert deren Bild den nächsten Hinweis: punktförmige Perforation verweist auf die Durchstoßauslegung, streifende Spuren auf den Reib- und Kontaktfall.

Die wichtigsten Unterschiede im Vergleich

VergleichsfrageSinnvolle VergleichsbasisNicht zulässige Schlussfolgerung
Einfluss der FolienstärkeGleicher Folienaufbau und gleiche Prüfbedingungen bei bewusst unterschiedlicher Gesamtdicke.Eine dickere Folie sei unabhängig vom Aufbau immer widerstandsfähiger.
Einfluss der LaminatstrukturMöglichst ähnliche Gesamtdicke, gleiche Prüfbedingungen, unterschiedliche Aufbauten.Ein Aufbau sei für jede Punktbelastung allgemein überlegen.
Vergleich von PrüfberichtenGleiches Prüfverfahren, Prüfkörper, Geschwindigkeit und Temperatur; die Probendicke wird dokumentiert und passend zur Vergleichsfrage kontrolliert.Unterschiedliche Einzelwerte ließen sich ohne Kenntnis der Bedingungen direkt in eine Leistungsrangfolge bringen.
Übertragung auf den EinsatzLaborvorauswahl plus Erprobung am gefüllten Packmittel.Ein Laborwert sage Transportschäden vollständig voraus.

So wird aus Prüfwerten eine belastbare Vorauswahl

  1. Schadensbild beschreiben

    Punktförmige Perforation und kratzartige Spuren getrennt erfassen.

  2. Prüfberichte sortieren

    Verfahren und vollständige Prüfbedingungen den vorhandenen Werten zuordnen.

  3. Vergleichsfrage festlegen

    Dickenänderung und Strukturwechsel nicht in derselben Schlussfolgerung vermischen.

  4. Gemeinsamen Versuch auswerten

    Kennwerte nur unter identischen Bedingungen als Rangfolge nutzen.

  5. Packmittel erproben

    Laborvorauswahl mit Füllgut und relevanten Einsatzbedingungen absichern.

  6. Abweichungen zuordnen

    Aus dem Schadensbild ableiten, welche Belastungsart zusätzlich betrachtet werden muss.

Vorhandene Durchstoßwerte richtig einordnen

Eine Materialentscheidung wird belastbar, wenn die vorhandenen Prüfwerte zuerst auf ihre Vergleichbarkeit zurückgeführt werden.

Fehlende Angaben zu Verfahren und Prüfbedingungen sind kein Detail, sondern der konkrete Ansatzpunkt für einen aussagefähigen Vergleich.

Prüfanforderungen zusammenstellen

Fazit: Den Vergleich mit der Datenbasis beginnen

Vor einer Materialentscheidung steht zuerst die Frage, ob die vorhandenen Durchstoßwerte überhaupt vergleichbar sind. Fehlen Angaben zu Verfahren oder Prüfbedingungen, ist ein gemeinsamer, dokumentierter Vergleich der sinnvollere nächste Schritt als eine Rangfolge nach Datenblattzahlen. Erst danach lässt sich gezielt entscheiden, ob Folienstärke, Laminatstruktur oder eine anwendungsnahe Erprobung die offene Auswahlfrage klärt.

Den nächsten Vergleichsschritt gezielt vorbereiten

Für die Vorauswahl sollten Prüfbedingungen, Folienaufbau und das konkrete Schadensbild gemeinsam dokumentiert werden.

Damit lässt sich gezielt klären, welche Vergleichsdaten oder welche anwendungsnahe Erprobung für die Entscheidung noch fehlen.

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    Quellen und Einordnung

    1. ASTM F1306 (ASTM International)
    2. ASTM D882 (ASTM International)
    3. Weiterreißeigenschaften (ZwickRoell)
    4. Durchstichversuch an Folien (ZwickRoell)
    5. Schrumpfbeutel mit EVOH und Polyamid (Polímeros / SciELO)
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