OTR-Wert bei Verpackungsfolien: Sauerstoffdurchlässigkeit verstehen – Aluminiumfolie, Blister, Laminate

Der OTR-Wert, ausgeschrieben Oxygen Transmission Rate, beschreibt, welche Sauerstoffmenge im stationären Zustand durch eine konkrete Verpackungsfolie je Fläche und Zeit tritt. Die häufige Einheit cm³/(m²·d) bedeutet: Kubikzentimeter Sauerstoff pro Quadratmeter Folie und Tag. Unter gleichen Messbedingungen steht ein niedrigerer OTR-Wert für weniger Sauerstoffdurchtritt und damit für eine höhere Sauerstoffbarriere. [1] [2]

Begriffserklärung

OTR / Oxygen Transmission Rate
Stationärer Sauerstoffdurchtritt durch die geprüfte Folie je Fläche und Zeit.

Für die technische Vorauswahl reicht die Zahl allein jedoch nicht. Ein OTR-Wert bewertet weder einen Werkstoff pauschal noch beweist er die Haltbarkeit eines verpackten Produkts. Erst Einheiten, Messbedingungen und Folienaufbau zeigen, ob zwei Prüfwerte wirklich vergleichbar sind und ob sie die spätere Verpackungskonstruktion beschreiben.

Was der OTR-Wert misst und wie seine Einheiten zu lesen sind

Entscheidend ist der stationäre Messzustand: Erst wenn sich der Sauerstoffdurchtritt unter den festgelegten Prüfbedingungen stabil eingestellt hat, beschreibt der Wert eine reproduzierbare Durchtrittsrate der Probe. Auch das in der Einheit ausgewiesene Gasvolumen ist nicht losgelöst zu lesen, sondern auf definierte Referenzbedingungen bezogen. Ein Datenblattwert ist damit immer das Ergebnis aus konkreter Folie, definierter Prüfsituation und festgelegtem Volumenbezug – keine frei übertragbare Materialaussage. [1] [2]

In Datenblättern erscheinen auch Schreibweisen wie cc/(m²·Tag) oder andere Flächenbezüge. Vor jedem Vergleich muss deshalb klar sein, auf welche Fläche und welchen Zeitraum sich die Angabe bezieht. Besonders wichtig ist ein möglicher Drucknenner: Ein Zusatz wie „/atm“ kennzeichnet keine bloße Varianten-Schreibweise, sondern eine andere Bezugsgröße.

OTR
Sauerstoffmenge je Fläche und Zeit durch die konkret geprüfte Folie, zum Beispiel cm³/(m²·d).
Permeanz
Der Durchtritt wird zusätzlich auf die Sauerstoffpartialdruckdifferenz Δp bezogen. Ein Drucknenner in der Einheit weist auf diesen Bezug hin.
Permeabilitätskoeffizient P
Eine materialbezogene Größe, die zusätzlich die Foliendicke l einbezieht. In der üblichen technischen Beziehung gilt: P = OTR·l/Δp; die SI-Einheit ist mol/(m·s·Pa).

Die Abgrenzung verhindert einen häufigen Denkfehler: Ein OTR ohne Drucknenner beschreibt die untersuchte Folie unter den dokumentierten Prüfbedingungen. Die Permeanz berücksichtigt zusätzlich die antreibende Sauerstoffpartialdruckdifferenz. Der Permeabilitätskoeffizient P soll dagegen eine Materialeigenschaft abbilden. Seine Dickennormierung ist nur für homogene Materialien sinnvoll, wenn die Dickenabhängigkeit experimentell bestätigt ist. Der OTR eines Mehrschichtverbunds ist daher nicht mit der Materialpermeabilität einer einzelnen Schicht gleichzusetzen. [3] [4]

Steht bei einem Prüfwert ein Drucknenner, darf er nicht direkt neben einen reinen OTR gestellt und als bessere oder schlechtere Barriere gelesen werden. Selbst die Bezeichnung „OTR“ genügt nicht als Klärung, weil technische Unterlagen drucknormierte Größen ebenfalls so benennen können. Entscheidend ist die ausgeschriebene Einheit samt Bezugsgröße. [5]

Welche Messbedingungen einen Vergleich tragen

Zwei OTR-Werte lassen sich nur dann unmittelbar gegenüberstellen, wenn sie dieselbe Messgröße unter passenden Randbedingungen beschreiben. Gleiche Zahlenformate oder gleiche Flächeneinheiten genügen nicht. Temperatur, relative Feuchte auf beiden Seiten der Folie, Sauerstoffpartialdrücke und Prüfmethode bestimmen, welche Aussage der Prüfwert zulässt.

Angabe im PrüfberichtWarum sie den Wert beeinflusstPraktische Folge
TemperaturHöhere Temperaturen erhöhen die Sauerstofftransmission.Ein bei niedrigerer Temperatur gemessener Wert belegt keinen allgemeinen Barrierevorteil. [6]
Relative Feuchte auf beiden FolienseitenSie beschreibt das Prüfklima der Probe und kann feuchteempfindliche Barriereschichten beeinflussen.Trockene und feuchte Werte bilden keine austauschbare Rangfolge. [1]
SauerstoffpartialdruckEr bestimmt die antreibende Druckdifferenz für den Sauerstoffdurchtritt.Abweichende Druckbezüge verhindern ohne eindeutige Normierung einen direkten Vergleich.
Prüfmethode und MesszustandSie legen Messaufbau, Klimaführung und die Ermittlung im stationären Zustand fest.Eine Trockenmessung und eine Messung bei kontrollierter Feuchte beantworten unterschiedliche technische Fragen. [5]

Die Feuchteangabe muss beide Seiten der Probe erfassen. Eine Folie kann auf der einen Seite einer anderen Atmosphäre ausgesetzt sein als auf der anderen. Bei Verbunden mit feuchteempfindlichen Barriereschichten reicht daher die verkürzte Angabe „bei Feuchte gemessen“ nicht aus, wenn offenbleibt, wie die Feuchte verteilt war.

Auch die bloße Angabe „Sauerstoff als Prüfgas“ ersetzt den Druckbezug nicht. Für die Vergleichsentscheidung muss der Prüfbericht erkennen lassen, welche Sauerstoffpartialdrücke auf beiden Seiten der Folie anlagen oder welche Partialdruckdifferenz verwendet wurde. Erst diese Angabe erklärt, ob ein Drucknenner dieselbe Bezugsgröße abbildet und ob die antreibende Kraft beider Messungen übereinstimmt. [5]

Die Konsequenz ist klar: Liegen für zwei Kandidaten abweichende Temperatur-, Feuchte- oder Druckbedingungen vor, vergleichen die Datenblätter zunächst Messsituationen statt Folienleistung unter denselben Bedingungen. Eine pauschale Umrechnung wäre nicht belastbar, weil die Änderung vom Material und vom Folienaufbau abhängt. Der belastbare nächste Schritt ist eine gemeinsame, einsatznahe Vergleichsmessung mit dokumentierten Bedingungen.

Warum Folienaufbau und Verarbeitung den Prüfwert verändern

Bei Mehrschichtverbunden erklärt die Gesamtdicke die Sauerstoffbarriere nicht ausreichend. Entscheidend ist, welche Schicht die Barriere bildet, wie dick diese Einzelschicht ist und wie die übrigen Lagen sie gegenüber Feuchtigkeit abschirmen. Der OTR-Wert beschreibt damit die gesamte geprüfte Konstruktion, nicht eine gleichmäßig wirkende Materialmasse.

Das lässt sich an einem Verbund mit EVOH als Barriereschicht nachvollziehen. Für die Einordnung zählen nicht nur Dicke und Lage der EVOH-Schicht. Auch Feuchtigkeit innen und außen sowie Dicke und Wasserdampfdurchlässigkeit der angrenzenden Schichten können die Bewertung beeinflussen. Die umgebenden Lagen entscheiden mit darüber, wie stark Feuchte die Barriereschicht erreicht. [5]

Ein dickerer Verbund ist deshalb nicht automatisch die bessere Sauerstoffbarriere. Zwei Folien mit gleicher Gesamtdicke können sich deutlich in Schichtfolge, Barriereschichtdicke und Feuchteschutz unterscheiden. Umgekehrt lässt sich der OTR eines konkreten Verbunds nicht allein durch eine Umrechnung der Gesamtdicke auf einen anderen Aufbau übertragen.

VergleichsebeneWas der Prüfwert aussagtFolge für die Entscheidung
Homogenes MaterialEine materialbezogene Betrachtung von Dicke, Druckdifferenz und Durchlässigkeit kann möglich sein.Sie ist nicht automatisch auf Mehrschichtverbunde übertragbar.
Mehrschichtverbund als FlachfolieDer OTR gilt für die dokumentierte Schichtfolge, Einzelschichtdicken und Messbedingungen.Der vollständige Folienaufbau ist entscheidender als die Gesamtdicke allein.
Thermoformte VerpackungBeim Formen können sich lokale Dicke, Orientierung und Kristallisation verändern.Der Flachfolienwert belegt die Barriere der geformten Verpackung nicht. [7]

Beim Thermoformen kann sich die Schichtverteilung in der Formzone gegenüber der Flachfolie verändern. Daraus folgt nicht automatisch eine bestimmte Richtung der Barriereänderung. Es folgt aber eine klare Grenze der Interpretation: Soll später eine geformte Verpackung bewertet werden, ist die verarbeitete Konstruktion der passende Untersuchungsgegenstand.

Von zwei Datenblättern zur belastbaren Vorauswahl

Hypothetisches Beispiel: Zwei Mehrschichtverbunde liegen zur Vorauswahl vor. Verbund A weist einen OTR unter trockenen Bedingungen aus, Verbund B unter kontrollierter Feuchte. In einem Bericht bleibt außerdem offen, ob die Einheit einen Drucknenner enthält. Obwohl die Zahlen unterschiedlich sind, ergibt sich daraus weder eine belastbare Rangfolge noch eine Aussage zur Produkthaltbarkeit.

  1. Messgrößen trennen. Zunächst wird geklärt, ob beide Angaben einen reinen OTR oder eine drucknormierte Permeanz beschreiben. Unterschiedliche Bezugsgrößen dürfen nicht in einer Rangfolge zusammengeführt werden.
  2. Prüfbedingungen gegenüberstellen. Temperatur, relative Feuchte auf Innen- und Außenseite, Sauerstoffpartialdrücke, Prüfmethode und stationärer Messzustand werden für beide Proben zusammengetragen. Abweichungen erklären, warum die Zahlen keine direkte Vergleichsbasis bilden.
  3. Gemeinsame Messbasis herstellen. Beide Verbunde werden bei derselben Temperatur, derselben Feuchteverteilung und denselben Sauerstoffpartialdrücken geprüft, die zum vorgesehenen Einsatz passen. Eine rechnerische Angleichung trockener und feuchter Werte ersetzt diese Messung nicht. [1]
  4. Aufbau dokumentieren. Bei einem EVOH-Verbund gehören vollständige Schichtfolge und Einzelschichtdicken zur Einordnung. Die Gesamtdicke allein wäre keine tragfähige Entscheidungsgrundlage.
  5. Verarbeiteten Zustand berücksichtigen. Folgt auf die Flachfolie das Thermoformen, wird die geformte Konstruktion unter den relevanten Bedingungen untersucht. Erst dieser Prüfwert bezieht sich auf die Verpackungskonfiguration, über die entschieden werden soll. [7]

Voraussetzungen und Grenzen eines OTR-Vergleichs

Ein OTR-Vergleich trägt nur, wenn dieselbe Messgröße unter nachvollziehbaren Bedingungen vorliegt. Der Kennwert ist kein allgemeiner Eignungsnachweis für ein verpacktes Produkt.

  • Einheit und Druckbezug: Reinen OTR und drucknormierte Größen nicht unmittelbar gleichsetzen.
  • Prüfklima: Temperatur sowie relative Feuchte auf beiden Seiten der Probe müssen dokumentiert sein.
  • Folienkonstruktion: Bei Mehrschichtverbunden zählen Schichtfolge und Einzelschichtdicken, nicht nur die Gesamtdicke.
  • Verarbeitungszustand: Nach dem Thermoformen kann die Flachfolie nicht ohne Weiteres als Stellvertreter für die geformte Verpackung gelten.

Praxisbeispiel: Zwei Werte, noch keine Rangfolge

Hypothetisches Beispiel: Für zwei Verbunde liegen OTR-Angaben vor. Einer wurde trocken, der andere bei kontrollierter Feuchte gemessen. Bei einem Wert ist der Druckbezug nicht eindeutig ausgewiesen.

Der kleinere Zahlenwert ist keine Auswahlentscheidung. Zuerst müssen Messgröße, Temperatur, Feuchte und Sauerstoffpartialdrücke vereinheitlicht oder durch eine gemeinsame, einsatznahe Vergleichsmessung abgebildet werden. Wird die Folie anschließend thermoformt, betrifft die nächste Untersuchung die geformte Verpackung und nicht allein die Flachfolie.

Datenblätter nicht überinterpretieren

Abweichende OTR-Angaben sind kein Wettbewerb zwischen Zahlen, solange Einheit, Druckbezug und Prüfklima nicht zusammenpassen.

Die fehlenden Angaben lassen sich gezielt beim Datenlieferanten anfordern, bevor eine Rangfolge oder Freigabe abgeleitet wird.

Fehlende Prüfangaben anfordern

Fazit: Die Aussagekraft entscheidet

Der OTR-Wert ist ein hilfreicher Kennwert für die Sauerstoffdurchlässigkeit, sofern er korrekt gelesen wird. Ein niedrigerer Wert steht nur bei gleichen Einheiten, Messbedingungen und vergleichbaren Folienaufbauten für eine höhere Sauerstoffbarriere. Unterschiedliche Prüfklimata, ein unklarer Druckbezug oder eine abweichende Verarbeitung machen aus einem scheinbar einfachen Zahlenvergleich eine offene technische Frage.

Die nächste Entscheidung richtet sich deshalb nach der konkreten Datenlücke: fehlende Prüfbedingungen beim Datenlieferanten ergänzen lassen, eine gemeinsame einsatznahe Vergleichsmessung veranlassen oder nach einer Umformung die verarbeitete Verpackung betrachten. Aus dem OTR allein lässt sich weder ein universeller Grenzwert noch die Haltbarkeit eines Produkts ableiten.

Die Datenlücke zuerst schließen

Fehlen vergleichbare Messbedingungen, führt eine gemeinsame einsatznahe Vergleichsmessung weiter. Bei thermoformten Verpackungen gehört der verarbeitete Zustand in die Betrachtung.

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    Quellen und Einordnung

    1. ASTM F1927-20: OTR bei kontrollierter Feuchte (ASTM International)
    2. OTR-Prüfung nach ASTM F2622 (AMETEK MOCON)
    3. ASTM F1927-20: Definitionsauszug (ASTM International, bereitgestellt bei iTeh)
    4. ASTM D1434-23: Gasdurchlässigkeit (ASTM International)
    5. ASTM D3985-24 (ASTM International)
    6. OTR-Prüfmethoden D3985/F1927 (AMETEK MOCON)
    7. Dicke und OTR vor und nach Thermoformen (Polymers / MDPI)
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